Anmerkungen
William Walton (1902-1983)
Five Bagatelles
I Allegro
II Lento
III Alla Cubana
IV Andante
V Con slancio
Die fünf Bagatellen, das einzige Werk für Sologitarre von William Walton, waren Malcom Arnold zu dessen 50. Geburtstag gewidmet. Doch es war Julia Bream, der den Komponisten mit der Kompliziertheit des Instruments vertraut machte und der auch die erste Aufführung darbrachte. Bis dahin bestand Walton's einzige kompositorische Erfahrung mit dem Instrument in seinen sechs Liedern für Tenor und Gitarre, Anon in Love.
Walton näherte sich dem Ende seines Lebens; seine Kräfte reichten nicht mehr für weitere Opern, Symphonien oder Konzerte. Dieser Verlust für die allgemeine Musikwelt erwies sich als grosser Vorteil für die Gitarre. Unterstützt durch ein Diagramm des Griffbretts, das ihm Bream besorgt hatte, komponierte Walton "einige hübsche Stücke", wie er sie selbst bezeichnete. Sie gefielen den Gitaristen und fanden schnell ihren Platz in deren Repertoire. Walton selbst schätzte sie so sehr, dass er sie später unter dem Titel Varii Capricci orchestrierte.
Ein gewisser strenger Charme, der nur "Waltonian" genannt werden kann, durchzieht diese fünf kurzen Stücke, beginnend mit der faszinierenden Harmonie der Nr.1 bis zum überstürzenden con slancio (springend) der Nr.5. Das dritte, Alla Cubana, bringt einen seltenen lateinamerikanischen Klang in die englische klassische Musik. In Nr. 4 gestaltet Walton exquisite Musik aus der einfachen Tonleiter, wie es Verdi und andere geniale Komponisten vor ihm getan haben.
Enrique Granados (1867-1916)
Dedicatoria
Dieses einfache und doch elegante Stück stammt aus Granados' Opus 1 für Klavier, dessen Titel man Cuentos para la juventud als "Szenen aus der Kindheit" übersetzen kann. Es war vielleicht als Würdigung der Komposition gleichen Namens von Robert Schumann gedacht, der fast 60 Jahre vor Granados' geboren wurde und elf Jahre vor dessen Geburt starb. Inzwischen beinhaltete die romantische Bewegung ein höheres Mass an Nationalgefühl, wohl nirgends so ausgeprägt wie im Spanien von Granados, Albéniz und anderen Zeitgenossen.
Danza Española No.5
Die im Jahre 1900 abgeschlossenen Danzas Españolas basieren auf den traditionellen Melodien und Rhythmen Spaniens. In der Nr.5 (Andaluza) vermittelt Granados eine romantische Leidenschaft, die in ihrer Reinheit und Eleganz fast als klassisch bezeichnet werden kann.
Isaac Albéniz (1860-1909)
Cádiz
Albéniz begann seine musikalische Karriere als begnadetes Pianisten-Wunderkind. Sein Abenteurergeist verführte ihn später dazu, auf einem Dampfer als blinder Passagier in die Karibik zu reisen. Dort lebte er von der Hand in den Mund als Klavierspieler in Cafés und anderen Vergnügungsstätten. Nach einer Tour durch Südamerika und einem Besuch in San Francisco kehrte er schliesslich nach Spanien zurück und begann ein ernsthaftes Kompositions-Studium. Eine Begegnung mit dem Musikwissenschaftler Felipe Pedrell führte ihn in die Richtung der ursprünglichen spanischen Melodien und Rhythmen, weg von den Einflüssen Frankreichs und Russlands. Dieses überwältigende Interesse für die Folklore seines Landes machte ihn zur Schlüsselfigur der National¬bewegung in der spanischen Musikentwicklung. Sie durchzieht sein gesamtes Werk, von dem fast alles für das Klavier geschrieben wurde. Die charakteristischen Stücke der Suite Española, zu denen Cádiz gehört, üben ihren Reiz aus nicht nur auf Pianisten, sondern auch auf Gitaristen, beginnend mit Segovia.
Manuel de Falla (1876-1946)
Homenaje pour le tombeau de Claude Debussy
Homenaje pour le tombeau de Claude Debussy
Obwohl viel von Falla's früher Musik das spanische Nationalinstrument reflektiert, ist sein Tribut an Debussy das einzige Stück, das er direkt für Gitarre geschrieben hat. Es war Falla's Antwort auf eine Einladung der Pariser Revue Musicale an die führenden Komponisten wie Bartók, Ravel und Stravinsky, sich an einer Sonderausgabe der Zeitschrift zu beteiligen. Sie erschien im Jahre 1920, zwei Jahre nach dem Tod von Debussy.
In der Form einer langsamen habanera eignet sich Homenaje gut für die musikalischen Möglichkeiten der Gitarre, hat aber nichts "gitarristisches" an sich: diese einfache, konzentrierte Musik überschreitet die Dimension seiner Ur-Instrumentation. Das bewies Falla selbst, als er das Stück später für Klavier und dann für Orchester arrangierte. Das direkte Zitat aus Debussy’s Soirée dans Grenade gegen Ende reflektiert die starken Gefühle des französischen Komponisten für Spanien.
Joaquín Malats (1872-1912)
Serenata Español
Als ausgebildeter Pianist studierte Joaquín Malats in Paris und bereiste Europa sowie Süd- und Nordamerika, bevor er in seine Heimatstadt Barcelona zurückkehrte, um dort die meiste Zeit seines Lebens zu verbringen. Serenata Española gehört zu einer Reihe von überwiegend Salonstücken, die durch die gekonnte Verwendung von Rhythmus und Melodie eine atmosphärische Impression von Spanien vermitteln.
Darius Milhaud (1892-1974)
Segoviana
Darius Milhaud genoss eine Erziehung als Allround-Musiker, studierte Violine, Ensemble, Harmonie, Kontrapunkt, Komposition und Dirigieren. Er spielte auch Klavier, auf dem er schon als Kind Melodien improvisierte. Er war ein fruchtbarer Komponist von Opern, Konzerten, Balletts und zahlreicher Orchester-, Instrumenten-, Vokal- und Kammermusik. Daneben fand er Zeit, ein Stück für Gitarre zu schreiben, Segoviana. Die Musiksprache Milhaud's war stets von kompromissloser Moderne geprägt, was seine Akzeptanz in das allgemeine Gitarren-Repertoire verzögert haben mag.
Vicente Asencio (1908-1979)
Suite Mística
I Getsemaní
II Dipsô
III Pentecostés
Die drei Sätze der Suite Mística suggerieren ein Triptychon religiöser Szenen, wie sie oft bei Altären im Mittelalter und in der Renaissance verwendet wurden. Der zentrale Satz Dipsô ("mich dürstet", einer der letzten sieben Worte Jesus' am Kreuz), wurde als erstes im Jahre 1971 komponiert und war Andrés Segovia gewidmet. Die zwei weiteren Sätze wurden später hinzugefügt, wodurch die Suite entstand. Sie bedeutet eine Abkehr von dem von der Folklore inspirierten Stil, den Asencio in seinen anderen Kompositionen für Gitarre pflegte. Aber durch die Kombination seiner poetischen Natur und seiner intensiven religiösen Überzeugung entstand ein Werk mit starkem Gefühlscharakter.
Frank Martin (1890-1974)
Quatre pièces brèves
1. Prélude
2. Air
3. Plainte
4. Comme un gigue
Die Bedeutung des schweizer Komponisten Frank Martin wird oft unterschätzt. Seine einsiedlerische Natur ist dafür teilweise verantwortlich: er neigte dazu, seine Kompositionen solange von einer Veröffentlichung zurückzuhalten, bis er sie für perfekt hielt.
Quatre pièces brèves entstanden 1933 und brauchten lange bis sie an die Öffentlichkeit gelangten. Wie die Bagatellen von Walton sind auch sie das einzige Werk für Sologitarre des Komponisten, obwohl Martin das Instrument bei einigen seiner Kammermusik-Stücke verwendete. Sie gehören zu der Periode, in der er sich für serielle Musik interessierte und es ist möglich, dass ihm diese vier kurzen Stücke als Versuchsfeld für seine neuen Gedanken dienten. Dennoch hat Prélude eine Tonart-Signatur, die nicht mit den Regeln der seriellen Musik übereinstimmt. Ausserdem scheinen die Titel einen Rückblick auf die Tanz-Suiten von Bach anzudeuten, eines Komponisten, den Martin vor allen anderen verehrte. Ein Teil der Faszination dieses Werks beruht auf dem eigenartigen Gefühl einer in der Form der seriellen Musik umgeschriebenen Suite von Bach.
Obwohl sowohl Martin als auch Segovia im Jahre 1933 in Genf lebten, ist es nicht klar, ob der grosse Gitarrist den schweizer Komponisten bat, etwas für ihn zu schreiben oder ob Martin hoffte, dass Segovia seine 4 kurzen Stücke genügend schätzen würde, um sie zu spielen. Auf jeden Fall hat Segovia sie nie gespielt, obwohl er soweit ging, Martin die Musik von Castelnuovo-Tedesco zu zeigen, damit sie dieser als Anleitung verwende.
Martin erstellte später eine neue Version, die Hermann Leeb im Jahre 1938 aufführte, was wiederum Segovia veranlasste, Martin um eine neue Kopie seines Werkes zu bitten, da er die erste verloren habe. Über diese Behandlung Segovias war Martin so enttäuscht, dass er dessen Bitte ablehnte. So kam es, dass Julian Bream die erste Aufnahme einspielte und damit dieser Musik die Anerkennung verschaffte, die sie verdient. Bream bemühte sich, Frank Martin zu einer weiteren Tondichtung für Gitarre zu bewegen, aber der Komponist war damals schon 80 und, in Bream's Worten, "it was a bit late in the day".
Colin Cooper
Translated by Patrick Herbst
